Peter Klasvogt

Wer heute den Zeitgeist heiratet,
ist morgen schon ein Witwer

Vom langen Atem christlicher Tugenden
und einer Kultur der Beständigkeit
(Textfassung des am 06. Dez. 2008 gehaltenen Vortrages anläßlich
„60 Jahre Kolping in Dortmund-Brackel sowie Kolping-Gedenktag“)
 

2009 ist in vielfacher Hinsicht ein Jubiläumsjahr. Die Bundesrepublik Deutschland wird sechzig Jahre alt, und mit ihr das Grundgesetz wie auch die Soziale Marktwirtschaft. Umso bemerkenswerter ist es, dass der Paderborner Erzbischof schon 1949,  in der „Stunde Null“, die Weitsicht besessen hat, ein Sozialinstitut für das Ruhrgebiet zu gründen: die Kommende Dortmund. Nach der Katastrophe des Dritten Reiches und der Politik der verbrannten Erde verstand man nur allzu gut, wie unerlässlich es war, sich für den gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Neuanfang auf die Prinzipien der Katholischen Soziallehre zu besinnen: dass die Würde des Menschen, wie die Väter des Grundgesetzes in die Präambel schrieben, unantastbar ist - in Verantwortung vor Gott. Dass eine Gesellschaft auf Gerechtigkeit gründen muss, um zu einem dauerhaften sozialen Frieden zu kommen, und dass Werte wie Solidarität, Subsidiarität und die Verantwortung gegenüber der nachwachsenden Generation nicht dem Belieben anheim gestellt werden dürfen, sondern als regulative Ideen jedweden politischen und gesellschaftlichen Handeln zugrunde liegen müssen. Insofern kommt den Kirchen in dieser Hinsicht nicht nur ein Wächteramt als soziales Gewissen der Gesellschaft zu; es ist zugleich ihr ureigener Auftrag, aktiv und engagiert an dieser Art der Gewissensbildung mitzuwirken. Heute nicht anders als damals.

Wenn sich die Kommende Dortmund nunmehr ihres 60 jährigen Bestehens erinnert, dann lässt sich in der Rückschau erahnen, mit welch hohem Einsatz die Menschen in der schlechten Zeit – nach Krieg, Zerstörung, Weltwirtschaftskrise – sich zusammengetan haben, Verantwortung übernommen haben, um aktiv und engagiert den äußeren wie moralischen Aufbau unseres Landes mit zu gestalten – aus christlicher Verantwortung.  Gemeinhin hat man mit 60 Jahren das Alter erreicht, in dem man allmählich in Rente geht, einen Gang zurückschaltet und lieber in der mehr oder weniger ruhmreichen Vergangenheit schwelgt als sich den Herausforderungen der Gegenwart zu stellen. Dieser Versuchung sollte aber nicht nachgeben, wem ernsthaft an unserer Gesellschaft liegt. Der sollte im Gegenteil unruhig und neugierig danach fragen, was die Menschen heute eigentlich umtreibt und wie die eigenen Ideale in die Gegenwart übersetzt und stark gemacht werden können. Das wird insbesondere an der derzeitigen Werte-Debatte virulent und fordert zu einer „Kultur der Verantwortung“ heraus, damit sich über die Zeitdiagnose hinaus eine Perspektive für die Zukunft zeigt.   

Es ist bezeichnend, dass nach den Pseudo-Heilslehren der New Economy und den Banken- und Börsencrashs der letzten Monate gleichsam über Nacht wieder die (nicht monetären) Werte  hoch im Kurs stehen. Mit Macht stellt sich die Frage nach dem zivilisatorischen Zusammenhalt unserer Gesellschaft,  ausgelöst nicht zuletzt auch durch Steuerflucht- und Wortbruch-Turbulenzen, Existenz vernichtenden Finanzdebakeln und tief greifenden Vertrauenskrisen in die gesellschaftlichen Eliten in unserem Land. Wenn uns in der Gesellschaft die Ideale und Vorbilder abhanden kommen, wenn jeder nur noch seinen eigenen Vorteil und Nutzen sucht, so billig und "geil" wie möglich, dann dürften wir uns über wachsende soziale Kälte und zunehmenden Protest sog. "Modernisierungsverlierer" nicht beklagen. Da sind die Kirchen und eben auch die Kommende gefordert, für Gemeinsinn und zivilisatorische Tugenden einzustehen und für ethisch verantwortliches Denken und Handeln zu werben, und zwar in allen Lebensbereichen, in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft.

In der derzeitigen Finanz- und Wirtschaftskrise ungeahnten Ausmaßes hat unsere Verfassung sich bewährt, und während des Leichtsinn und des Lifestyle des New Economy und der Wirtschaftsliberalismus der letzten Jahre die Spekulationen an den Börsen hat sprießen und schließlich platzen lassen und ganze Staatshaushalte an den Rand des Bankrotts gebracht hat, ist es gerade der Staat, der sich bewährt und als Ordnungsinstrument und Rahmen für wirtschaftliches Handeln funktioniert. Doch heißt das noch nicht, dass auch unsere Gesellschaft in guter Verfassung ist. Denn „wer heute den Zeitgeist heiratet, ist morgen schon ein Witwer.“ Wer jedem Trend hinterherläuft und auf jeder neue Welle mitschwimmt, wird notgedrungen oberflächlich und dessen Handlungskriterien werden schnell beliebig. In einer Zeit, die vor lauter Aktionismus alsbald das Maß und den Maßstab für das eigene Denken und Handeln vergisst oder über Bord wirft und daher Gefahr läuft, maßlos zu werden, ist es wichtig, wieder nach den eigenen Traditionen, Prinzipien, Werten: nach unserer Herkunft zu fragen, um Perspektiven für unsere Zukunft zu erarbeiten. Es geht um den langen Atem christlicher Tugenden und eine Kultur der Beständigkeit. Als Christen und als Kirche hätten wir da einiges beizusteuern.
 

I. Werteverlust.

Eine Zeitdiagnose

Hört dieses Wort, die ihr die Schwachen verfolgt
und die Armen im Land unterdrückt.
Ihr sagt: Wann ist das Neumondfest vorbei?
Wir wollen Getreide verkaufen. Und wann ist der Sabbat vorbei?
Wir wollen den Kornspeicher öffnen, das Maß kleiner und den Preis größer machen
und die Gewichte fälschen.
Wir wollen mit Geld die Hilflosen kaufen,
für ein paar Sandalen die Armen. Sogar den Abfall des Getreides
machen wir zu Geld.

Beim Stolz Jakobs hat der Herr geschworen:
Keine ihrer Taten werde ich jemals vergessen.

 (Amos 8,4-7)
 

So hört sich die ätzende Anklage eines Sozialkritikers vor 2600 Jahren an. Amos, ein Maulbeerfeigenzüchter, der als Quereinsteiger nebenher den Beruf des Propheten ausübt und den Herrschenden seiner Zeit die Leviten liest.
Da ist es kein Zufall, dass die sozialethische Zeitschrift der Kommende,
Amosinternational, sich gerade auf diesen Sozialpropheten beruft. Auch damals im Gottesstaat Israel war nicht alles Gold was glänzt, auch damals hat es Arme und Schwache gegeben - und nicht minder die Versuchung der Mächtigen und Reichen, den Markt zu ihrem privaten Vorteil zu beherrschen, in die eigene Tasche zu wirtschaften auf Kosten der anderen, mit Täuschen und Tricksen, mit Schmieren und Ködern.

Diese Philippika des Propheten, so meint man, könnte auch heute geschrieben sein, nur dass die Methoden des Tarnens, Verschleierns, der Geldwäsche, des Subventionsbetrugs, der Schwarzarbeit, der Steuerhinterziehung feiner, raffinierter, subtiler geworden sind. Im digitalen Zeitalter und in einer Welt der globalen (Finanz)Märkte gibt es eben andere Möglichkeiten, auch mit unlauteren Mitteln dem Eigennutz zu dienen und dem Gemeinwohl zu schaden.

Bürgerliche Tugenden, aus dem Christentum abgeleitet und über Jahrhunderte prägend für die moralischen Grundüberzeugungen in der Gesellschaft, sind offensichtlich ins Rutschen gekommen: Ehrlichkeit, Aufrichtigkeit, Gerechtigkeit, Wahrhaftigkeit, Zuverlässigkeit, Verbindlichkeit, Verlässlichkeit, Gegenseitiger Respekt, Großmut, Toleranz, Achtung vor dem Gesetz, Leib und Gut des anderen - die Aufzählung ließe sich noch weiter fortsetzen, von den theologischen Tugenden Glaube, Hoffnung, Liebe ganz zu schweigen. Doch was auf dem Boden des Christentums über Jahrhunderte zu einem allgemeinen Wertekonsens gewachsen ist, bröckelt in unserer Zeit – wie es scheint – erosionsartig ab.

Man mag darin die Spätfolgen der schleichenden Entchristlichung unserer Gesellschaft und des gesellschaftlichen Bedeutungsverlusts der Kirchen sehen. Wenn es keine höchste Autorität mehr gibt, an die man glauben kann und vor der man sich rechtfertigen und verantworten muss, ist sich jeder selbst der Nächste. Staatliche Vorgaben sind dann nur noch Spielregeln und Rahmenbedingungen, die man nach Möglichkeit zum eigenen Vorteil umgehen oder aushöhlen kann. Steuerhinterziehung, die sog. „Rache des kleinen Mannes“, entwickelt sich zunehmend zum Volkssport, Schwarzarbeit ist weithin gesellschaftsfähig geworden. Dann heißt die Lebensmaxime: Man darf alles. Man darf sich nur nicht erwischen lassen.“ Das Leben wird so zu einem großen Spiel, Monopoly, wo jeder zusieht, wie er sich möglichst schadfrei und kostengünstig bedienen kann. Das beginnt nicht erst beim Schummeln bei der Klassenarbeit und endet auch nicht bei der ehelichen Untreue.

Und was im Kleinen wegbricht, das geschieht auch im großen Stil; das öffentlichkeitswirksam in Szene gesetzte Fehlverhalten von einigen (wenigen) Großen wirkt prägend auf die Haltung und Einstellung vieler: Privatisierung und Neoliberalismus sind die Folgen – um den Preis der Erosion des sozialen Zusammenhalts. Das Beispiel früherer Hoffnungsträger wie Peter Hartz, Jan Ulrich, Klaus Zumwinkel … gemahnt dazu, jeden grundsätzlich daraufhin zu befragen, ob er das, was er sagt, auch selber lebt. Authentizität ist gefragt, und genau das ist das Problem: Mit der Häufung sog. Enthüllungen ist immer auch eine Enttäuschung verbunden, die dazu führt, dass man eigentlich keinem mehr traut, die Welt eben doch nicht den Ehrlichen und Aufrechten gehört.

Wo es aber keine Vorbilder gibt, da verschieben sich die Maßstäbe. Wenn sich die Großen so offenkundig selbst bedienen, so die medial vermittelte, oft auch verzerrte Wahrnehmung, dann fühlen sich die (verharmlosend selbsternannten) Kleinen dadurch animiert und legitimiert, es ihnen gleich zu tun. Damit verschieben sich zugleich das Bewusstsein und das gesellschaftliche Grundverständnis von Werten. Die „Geiz ist geil“-Werbung ist eben nicht nur eine geniale Marketingstrategie, die an die niederen Instinkte im Menschen appelliert und damit Profit macht; die subtilen Botschaften setzen sich nachhaltig und untergründig im allgemeinen Bewusstsein fest: Ich bin doch nicht blöd!“ Dabei ist Geiz ist nach klassischer katholischer Lehre übrigens eine der Todsünden (was früher auch noch gebeichtet wurde!), ebenso wie Neid, Maßlosigkeit und Gier; sie prägen bzw. verstärken eine Mentalität des Egoismus und führen zur Entsolidarisierung in der Gesellschaft.

Jeder ist seines Glückes Schmied, so erklingt das alte Lied in postmoderner neoliberaler Vertonung: jeder muss für sich selbst sorgen: „privat vor Staat“ heißt das neue Zauberwort, mehr private Vorsorge wird zur Leitidee in der Renten- und Gesundheitspolitik; Gewinne werden privatisiert, Verluste sozialisiert. Im Kampf um das private Recht, oft auch ums Rechthaben, werden die Gerichte hierzulande mit Zivilklagen überzogen und sind weithin paralysiert – auch dies ein unübersehbarer Indikator für den Zustand unserer Gesellschaft. Es überleben die Starken und die Schlauen, die Cleveren, leider auch die Unanständigen und Skrupellosen.

Es geht darum, sich durchzusetzen. Bloß keine Schwäche zeigen! Doch wo bleiben die Schwachen, die Verlierer unserer Gesellschaft? Wie erträgt man, Schwäche gezeigt zu haben, nicht mithalten zu können, unterlegen zu sein?  Eine Gesellschaft der „Ich-AG’s“ ist auf Dauer furchtbar anstrengend, und es droht die selbstverschuldete Einsamkeit und jene nur mit Betäubung zu ertragende Leere, und die Gefahr des sozialen Abstiegs lauert immer schon an der nächsten Ecke. Eine Gesellschaft ohne soziale Werte – eine Gesellschaft im freien Fall?

Seht, es kommen Tage - Spruch Gottes, des Herrn -,
da schicke ich den Hunger ins Land,
nicht den Hunger nach Brot, nicht Durst nach Wasser,
sondern nach einem Wort des Herrn.

Dann wanken die Menschen von Meer zu Meer, sie ziehen von Norden nach Osten,
um das Wort des Herrn zu suchen; doch sie finden es nicht.

(Am 8,11f)
 

II. Wertberichtigung.

Neue Nachdenklichkeit

„Gibt es auf Erden ein Maß?“ (Hölderlin) Selten ist über das Maßhalten, die Tugend der Temperantia, so viel Gutes geschrieben worden wie in letzter Zeit, da die Maßlosigkeit an den Börsen und Finanzmärkten ihr wahres Gesicht zeigt und die Todsünde der Habgier selbst eine  Weltwirtschaftsordnung ins Wanken bringt. Renaissance einer Kardinaltugend. Schnelllebigkeit und Flüchtigkeit sind zum Signum unserer Zeit geworden, und der moderne Mensch ersinnt unter dem Erfolgsdruck profitorientierten Handelns immer subtilere Strategien zur Effizienzsteigerung: mit einem Minimum an Aufwand ein Maximum an Wirkung.

Da mutet es fast schon archaisch an, sich den Luxus des Nachdenkens zu gönnen und alle Hyperaktivität und Geschäftigkeit der so grundsätzlichen Infragestellung zu unterziehen: „Gibt es auf Erden ein Maß?“ Unter dem Diktat des Zeitgeists scheint das Erfolgsprinzip des Höher-Schneller-Weiter so sehr verinnerlicht, dass es keiner Erklärung noch der Selbstvergewisserung bedarf. Der Reiz, besser zu sein als der andere: cleverer, schneller, erfolgreicher, ist Motivation und Antrieb für jede Art von Innovation und Optimierung und der Motor jedweden Fortschritts. Doch keiner fragt, wohin wir denn fortschreiten und ob wir dort überhaupt ankommen wollen. Fragen stört, verunsichert, bringt aus dem Rhythmus. „Halt an, wo laufst Du hin!“ (Johannes Bours). Denn die Schnelligkeit des Laufens sagt noch nichts über die Richtung und die Richtigkeit des Agierens. Es gibt schließlich auch das geistlose (Mit)Laufen: mit Volldampf im Leerlauf. Und wie es im menschlichen Organismus zur Hyperventilation kommen kann, wenn geängstigte oder gestresste Menschen aus Angst, keine Luft zu bekommen, zu viel atmen, bis hin zur Bewusstlosigkeit, so kann auch äußere Geschäftigkeit und Betriebsamkeit die wesentliche Frage nach dem Sinn des Ganzen überdecken, jedenfalls eine Zeitlang. - Stimmt die Richtung und stimmt das Maß? Fragen, die sich unvermittelt stellen unter dem Eindruck der Aufgeregtheit und Kurzatmigkeit einer Gesellschaft, die sich immer schneller dreht im Hamsterrad ihres Erfolgsstrebens. Es bleibt die Herausforderung zu allen Zeiten, jenseits von externen Vorgaben, Regeln und Maßstäben in sich selbst das Maß zu finden, das Identität begründet und Expressivität ermöglicht.

„Es lohnt sich nicht. Unmoralisches Verhalten wird bestraft. Vom Nutzen der Werte
.“,
so überschrieb die ZEIT  (13.03.2008, Nr. 13) einen  bemerkenswerten Artikel. Moralisches Fehlverhalten unserer politischen, wirtschaftlichen, gesellschaftlichen Führungseliten, so der Tenor, wird durch Vertrauensentzug abgestraft. Fazit:
 „Vertrauen entsteht, wo Maß gehalten, Wahrhaftigkeit bewiesen und Courage gezeigt wird.“ Denn das Vertrauen ihrer Mitbürger, Mitarbeiter, Wähler, Fans müssen sich die Leistungsträger unserer Gesellschaft erst verdienen: durch Glaubwürdigkeit, Integrität, Persönlichkeit. Mit der Führungskompetenz muss die soziale Kompetenz einhergehen, will man auf Dauer erfolgreich sein.

 

Eine Marktwirtschaft, die allein auf Profit und Erfolg setzt, wird langfristig nicht überleben.
 „Nur ein Unternehmer, der seine soziale Verantwortung ernst nimmt, kann ein erfolgreicher Unternehmer sein. Wirtschaften ist ein sozialer Prozess, der auf kulturelle, gesellschaftliche und institutionelle Bedingungen angewiesen ist. Die Mitarbeiter und der Wert ihrer Arbeit stehen im Mittelpunkt, denn sie schaffen mit ihrem Know how den Mehrwert, der die unabhängige Zukunft eines Unternehmens sichert. Erst eine motivierte, qualifizierte Mannschaft garantiert den Erfolg.“
(Wiedekind, Anders ist besser, 113).
Abschreckende Beispiele wie BenQ und Nokia in Bochum lassen erkennen, das der Imageschaden so groß wird, dass die Manager zurückrudern und auf die Konkurrenz abschreckend wirkt: Siemens musste am Ende die BenQ-Mitarbeiter wieder zurücknehmen, Nokia ist der Bochumer Sündenfall mit 200 Millionen Euro teurer zu stehen gekommen.

Die Biografien von New Economy Managern zeigen, wie brüchig das Eis ist, auf dem in der Gesellschaft Pirouetten gedreht werden, um sich selbst und andere zu beeindrucken, wie schmal der Grat zum Erfolg und wie groß die Gefahr ist, rechts oder links abzustürzen. Seit einigen Jahren tauchen in kirchlichen Beratungsstellen zunehmend Menschen auf, die man dort am wenigsten erwartet hätte: Manager um die vierzig, die Karriere gemacht und dabei sehr viel Geld verdient haben, die dann irgendwann abgestürzt, ausgebrannt sind: global players, ohne doch je wirklich bei sich selbst zu Hause zu sein, verbunden mit allen sozialen Folgen wie Scheidung, Einsamkeit, Suchtproblematiken. Die Kräfte des Selbstmanagement sind außer Kraft gesetzt, und das körperlich und seelisch lähmende Erschöpfungssyndrom zeigt sich im Kern als ein Sinnvakuum, das nicht mehr überdeckt und nicht mehr übergangen werden kann. Und irgendwann kommt die große Krise: Wofür eigentlich? Warum tust du dir das an? Zurück bleibt eine Leere, die von allein nicht einfach gefüllt werden kann.  

Wenn die These stimmt, dass mit der schleichenden Entchristlichung unserer Gesellschaft auch ein Auszug der allgemeinverbindlichen Werte einhergeht und das Gefühl für soziale Verantwortung und Gerechtigkeit nehmen, dann gibt es durchaus auch nachdenkliche Stimmen, die fragen, ob der Zug unserer Gesellschaft in die richtige Richtung fährt und der Preis des kurzfristigen Erfolgs nicht zu hoch ist. In den Buchhandlungen füllt die Literatur zu den neuen Werten ganze Bücherregale. Indikator einer Suchbewegung. Und der Titel des meistverkauften Bestsellers seit dem Zweiten Weltkrieg - nach der Bibel - trägt den bezeichnenden Titel: „Ich bin dann mal weg“ (Harpe Kerkeling).  Da genehmigt sich der erfolgreichste Entertainer, den wir in Deutschland haben, eine Auszeit von einem Jahr, um in einem religiös aufgeladenen Selbstfindungsprozess zu verstehen, wie es eigentlich persönlich weitergehen soll. Auslöser war ein psycho-physischer Zusammenbruch, die klassische Burn- out–Krise mit dem bohrenden Zweifel: Wer bin ich eigentlich? Was mache ich eigentlich? Wozu das alles? Doch auf existentielle Fragen gibt es keine einfachen pragmatischen Antworten.

Auch wenn sich nicht sofort zeigt, wie es anders weitergeht: für viele ist klar, dass es so es nicht weitergehen kann. Wir erleben in unserer Gesellschaft derzeit eine neue Nachdenklichkeit, in der die Sinnfrage ganz neu und mit existentieller Dringlichkeit gestellt wird – individuell wie auch global.

Das erinnert an ein zweites Prophetenwort, das ebenfalls in unsere gegenwärtige Situation hineingesprochen sein könnte. Es bezieht sich auf die Rückkehr der Verschleppten Israels aus dem Exil an jene unwirtliche Stätte Jerusalem, wo jeder zunächst einmal dafür sorgt, selbst irgendwie auf die Beine zu kommen. Die Religion, der Tempel des Herrn, das Gebot Gottes rückt dabei ganz in den Hintergrund:

So spricht der Herr der Heere:
Dieses Volk sagt: Noch ist die Zeit nicht gekommen, das Haus des Herrn aufzubauen.
Da erging das Wort des Herrn durch den Propheten Haggai:

Ist etwa die Zeit gekommen, daß ihr in euren getäfelten Häusern wohnt,
während dieses Haus in Trümmern liegt?
Nun aber spricht der Herr der Heere: Überlegt doch, wie es euch geht.
Ihr sät viel und erntet wenig;
ihr eßt und werdet nicht satt;
ihr trinkt, aber zum Betrinken reicht es euch nicht;
ihr zieht Kleider an, aber sie halten nicht warm,
und wer etwas verdient, verdient es für einen löcherigen Beutel.

So spricht der Herr der Heere: Überlegt also, wie es euch geht.

Geht ins Gebirge, schafft Holz herbei, und baut den Tempel wieder auf!
Das würde mir gefallen und mich ehren, spricht der Herr.

Ihr habt viel erhofft und doch nur wenig geerntet;
und wenn ihr es einbrachtet, blies ich es weg.
Warum wohl? - Spruch des Herrn der Heere.
Weil mein Haus in Trümmern liegt, während jeder von euch für sein eigenes Haus rennt.

Deshalb hält der Himmel über euch den Tau zurück, und die Erde hält ihren Ertrag zurück.
 (Haggai 1,2-10)

Die Aufforderung könnte auch an uns heute ergehen: Überlegt doch, wie es euch geht!

Ihr tut alles Mögliche, und es geht Euch gut – besser als zwei Drittel der Weltbevölkerung. Ihr habt alles, aber es fehlt das Entscheidende!
„Das ganze Leben haben wir geschuftet. Jetzt, wo mein Mann in Rente ging, hätten wir noch ein paar schöne Jahre miteinander verbringen können. Und jetzt: tot. Zu spät.“
- so höre ich noch eine Frau am Totenbett ihres Mannes. Als wir uns nach Jahren wieder trafen, sagte sie mir, dass der Tod ihres Mannes ein tiefer Einschnitt in ihrem Leben war, zugleich auch ein Wendepunkt, denn aus dem Warum? und Wofür? haben sich nach und nach Perspektiven ergeben und Wege eröffnet, anders zu leben, bewusster, sinnvoller. Dabei schwang Dankbarkeit mit für das Glück, mit den Jahren im Glauben wieder Halt und in der Gemeinde Anschluss gefunden zu haben. 

Was hier am Einzelfall, einer persönlichen Begegnung geschildert wird, lässt sich auch demoskopisch belegen, etwa durch die letzte Shell-Studie zur Jugendkultur oder den Religionsmonitor der Bertelsmann-Stiftung, wonach 70 Prozent der Deutschen religiös, 28 Prozent sogar "hochreligiös" eingestuft werden. Es ist bezeichnend, dass mittlerweile eine Gegenbewegung einsetzt, die zwar nicht wieder die Kirchen füllt, aber doch zu einer größeren Nachdenklichkeit über den Sinn des Lebens führt. Atheismus und Säkularisierung scheinen also in Deutschland nicht wirklich an der religiösen Ausrichtung zu nagen, glaubt man der Studie, für die über 20.000 Menschen in 21 Ländern um die 100 Fragen beantworten mussten. Die Jungen sind deutlich weniger religiös als die Älteren, aber die 18-30-Jährigen sind fast genauso religiös wie ihre Eltern. Aus den Daten, so das Fazit der Autoren, könne "eindeutig gefolgert werden, dass es in Deutschland in Fragen der Religion und des Glaubens keinen massiven Traditionsbruch zwischen Eltern und Kindern gibt. Im Gegenteil ist die jüngste Generation in manchen Aspekten viel engagierter und weniger skeptisch als die älteren Gläubigen."

 

Im Mikrokosmos der Dortmunder Zivilgesellschaft, unserer „Ruhrmetropole“, kann man derzeit erleben, wie sehr Kirche  - im Gegensatz zur These des gesellschaftlichen Bedeutungsverlusts – heute (wieder) gefragt, erwünscht und geschätzt ist: in ihren Personen und Repräsentanten, ihren Organisationen und Institutionen, aber auch in ihren Positionen, Werten, Deutungskategorien etc. Freilich nicht als Monopolist mit dem Alleinzuständigkeitsanspruch für religiöse und ethische Fragen, aber auch nicht als eine x-beliebige Stimme im Konzert säkularer Institutionen und Sinnagenturen. Auf den Werteverlust hat schon längst eine neue Nachdenklichkeit eingesetzt, die nach Antworten und Konsequenzen verlangt. Kirche wird in diesem Zusammenhang als eine Sinn stiftende Glaubens- und Wertegemeinschaft wahrgenommen und gerne in Anspruch genommen. Das gibt uns zugleich die Möglichkeit, einen wichtigen Beitrag zu leisten zur Stärkung der gesellschaftlichen Wertebasis und zu einem Mehr an sozialer Gerechtigkeit.

III. LebensWert.

Für eine Kultur der Verantwortung

1979 erschien das bedeutende Buch des deutsch-amerikanischen Philosophen Hans Jonas (+1993) unter dem Titel: „Prinzip der Verantwortung“ -  Angesichts der schier unbegrenzten Möglichkeiten des technischen Fortschritts stößt der Mensch an Grenzen, die er ethisch beherrschen muss. Der Mensch muss Verantwortung für sein Handeln übernehmen, will er nicht das Überleben der Menschheit aufs Spiel setzen, von der Atomwissenschaft bis zur Bioethik. Heute stünden noch weitere Themen auf der Dringlichkeitsliste: Genmanipulation, Klonen, Gefährdung des Ökosystems, Klimawandel, Hungerrevolten …

Das gilt auch in allen anderen Bereichen, im zwischenmenschlichen wie gesellschaftlichen Bereich, auch in Politik und Wirtschaft. Da ist von „Corporate Social Responsibility“ (CSR) die Rede, von der gesellschaftlichen und sozialen Verantwortung von Unternehmen für Umwelt, Nachwelt, Mitwelt.  Um die unternehmensethischen Bemühungen zu fördern und auszuzeichnen, lobt die Kommende alle zwei Jahre einen Unternehmerpreis für nachhaltiges Wirtschaften aus. Denn es gilt, angesichts der gewaltigen gesellschaftlichen Probleme für innovative und intelligente Lösungen zu werben und die positiven Kräfte zu fördern. Auf dem Hintergrund des christlichen Menschenbildes und unseres Auftrags zur Weltgestaltung dürfen wir uns als Kirche nicht verweigern, wenn in der Gesellschaft der Ruf nach Wertorientierung laut wird und Menschen die Sinnfrage stellen und nach einer gültigen, den Augenblick überdauernden Lebensperspektive fragen. Es entsteht, so hat man den Eindruck, der Boden für eine neue Kultur der Verantwortung.

In dem Begriff Ver-Antwort-ung steckt bereits das Wort Antwort: auf einen vorausgehenden An-Spruch, Heraus-Forderung: Man muss sich zu etwas verhalten und kann nicht indifferent bleiben, kann nicht einfach wegducken. Was immer geschieht, fordert dazu heraus, Stellung zu beziehen, Initiative zu ergreifen, Entscheidungen zu treffen: aktiv und konstruktiv statt (an)klagend und kommentierend - Zivilcourage; Ehrenamt, Engagement. Johannes vom Kreuz, als Reformer im eigenen Carmeliter-Orden bedrängt und eingesperrt, formuliert als seine Erkenntnis der durchlittenen „dunklen Nacht“:Beklage dich nicht, dass keine Liebe da ist. Wo keine Liebe ist, bring Liebe hin, und du wirst Liebe finden.“

An die Stelle der Ich-bezogenen Frage: Was bekomme ich dafür? Was bringt mir das?“ stellt sich für Christen neu die bekannte Kennedy-Frage: Frag nicht, was dein Land für dich tut. Frag, was du für dein Land tust – als Christ wie als Bürger, als Politiker wie als Unternehmer. Diese Frage stellt sich mit gleicher Wucht auch den Akteuren in der Zivilgesellschaft, auch den Kirchen, auch der Kommende.

Ich denke an einen deutschen Franziskaner in Brasilien, dessen einzige pastorale „Strategie„ darin bestand, angesichts von Problemen und Schwierigkeiten nicht wegzulaufen, sondern anzupacken, sich aus geistlicher Verantwortung heraus für zuständig zu erklären. Als eine Frau mit ihren sechs Kindern am Pfarrhaus schellte, war das für ihn die Aufforderung, etwas Konkretes für Frauen in Not zu tun, die von ihren Männern sitzen gelassen wurden. So hat er Verbündete gefunden, mit deren Hilfe er über vierzig Häuser für die Bedürftigen gebaut, Kindergärten eingerichtet, Hunderte von Adoptionen ermöglicht hat. Und als die ersten Drogenabhängigen zu ihm kamen und ihn um Hilfe baten, hat er nach und nach ein Therapieprojekt entwickelt, das heute weltweit zu den erfolgreichsten gehört und Tausenden wieder eine neue bürgerliche Existenz und eine Lebensperspektive aus christlichem Geist ermöglicht hat. Seine spirituelle Erfahrung fasst er in dem einen Satz zusammen: Deine Armut zieht mich an! Um Christi willen.

Ein anderes Beispiel für Zivilcourage aus christlicher Überzeugung konnte man nach der Wende in Ostdeutschland beobachten: Dort waren überproportional viele Katholiken, auch Protestanten, in politische Ämter gewählt worden, als Quereinsteiger ohne entsprechende Vorbildung – Zahnärzte, Chemiker, Ingenieure, Musiker. Aber sie waren die einzigen, die unbelastet waren, die nicht korrumpiert waren, die einzigen, die sich aufgrund ihrer christlichen Einstellung in die Pflicht genommen sahen und sich der Herausforderung nicht entziehen konnten und wollten, am Neuaufbau mitzuwirken und sich für das Gemeinwohl einzusetzen.  

Eine Kultur der Verantwortung müsste – nach der Katholischen Soziallehre – in vier Richtungen blicken:

der Blick für den Einzelnen, seine Würde: Defizite und Bedürfnisse wahrnehmen (Personalität)

Der Blick für das Umfeld, das Gemeinwohl, dem man verpflichtet ist (Solidarität)

Der Blick für das Not-Wendige: aus Abhängigkeiten lösen - Hilfe zur Selbsthilfe (Subsidiarität)

Der Blick über das Ganze, das Hier und Heute in einer globalen Welt hinaus (Nachhaltigkeit)

Insofern ist es bemerkenswert, dass der russische Präsident Gorbatschow bei der Konzipierung seiner großen Reden zur Perestroika die Sozialenzykliken der Päpste auf seinem Schreibtisch hatte. Dass System des Kommunismus hatte abgewirtschaftet, der Kapitalismus war in seinen Augen ebenfalls indiskutabel. Daher nahm er, so gestand er später Papst Johannes Paul II., Anleihen bei den fundamentalen Prinzipien der Katholischen Soziallehre.

In unserer Verantwortung vor Gott, dem es leidenschaftlich um den Menschen geht, können wir gar nicht anders als uns dieser „Kultur der Verantwortung“ zu stellen und so Gottes Leidenschaft (passion) mitzuleben (compassion), die vor allem den Ärmsten und Notleidenden gilt. Der Prophet Jesaja hat das in prägnanter Schärfe auf den Punkt gebracht, wenn er von den Werken der Barmherzigkeit spricht und dabei den Zusammenhang von sozial-caritativem Engagement und physischer Heilung und spiritueller Erleuchtung herausstellt. Denn der Einsatz für mehr Menschlichkeit hilft nicht nur dem Bedürftigen auf, sondern stimuliert im Helfenden zugleich verborgene Selbstheilungskräfte und führt ihn zu einer unmittelbaren Gotteserfahrung.

Nein, das ist ein Fasten, wie ich es liebe:
die Fesseln des Unrechts zu lösen,
die Stricke des Jochs zu entfernen,
die Versklavten freizulassen, jedes Joch zu zerbrechen,
an die Hungrigen dein Brot auszuteilen,
die obdachlosen Armen ins Haus aufzunehmen,
wenn du einen Nackten siehst, ihn zu bekleiden
und dich deinen Verwandten nicht zu entziehen.

Dann wird dein Licht hervorbrechen wie die Morgenröte
und deine Wunden werden schnell vernarben.

Deine Gerechtigkeit geht dir voran, die Herrlichkeit des Herrn folgt dir nach.

Wenn du dann rufst, wird der Herr dir Antwort geben,
und wenn du um Hilfe schreist, wird er sagen: Hier bin ich.

Wenn du der Unterdrückung bei dir ein Ende machst,
auf keinen mit dem Finger zeigst und niemand verleumdest,
dem Hungrigen dein Brot reichst und den Darbenden satt machst,
dann geht im Dunkel dein Licht auf und deine Finsternis wird hell wie der Mittag.
(Jes 58, 6-10)

Dieser uralte Prophetentext spricht von unserer sozialen Verantwortung, die wir füreinander haben und von der wir uns auch nicht dispensieren lassen können. Es ist zugleich die Weise, um spirituell zu wachsen: „Gott nahe sein“ und mit der eigenen Geschichte, den eigenen Wunden ausgesöhnt zu werden. Die sog. Werke der Barmherzigkeit sind daher kein Almosen, sondern ein natürlich-übernatürlicher Reflex: Antwort auf eine Herausforderung, ein Problem, eine Not – die mich angeht und die mich vor die Entscheidung stellt, wegzuschauen oder initiativ zu werden, anzupacken, mitzumachen, ins Rad zu greifen. Unser christlicher Glaube ist dafür gewissermaßen der Motor und zugleich die Fahrbahn. Es mag bisweilen so scheinen, dass andere ohne den christlichen Glauben und seine Handlungsimpulse schneller und einfacher durchs Leben kommen. Auf Dauer allerdings zahlt sich aus, dass man nicht nur nach eigenem Gusto lebt, sondern sich in der Verantwortung vor Gott weiß. Das möchte die folgende Geschichte verdeutlichen:

„Einem Mann war eine Katze zugelaufen. Da er sie nicht brauchen konnte, nahm er seinAuto, fuhr zwei Meilen weit und ließ die Katze laufen. Doch kaum war er wieder zu Hause,kam auch die Katze zurück.
Daraufhin setzte er sie 20 Meilen weit entfernt auf freiem Feld aus. Aber einen Tag später war die Katze wieder da.
Jetzt machte er schließlich ganze Sache und fuhr weit weg, kreuz und quer durch unwegsames Gelände wie im Urwald. Dort setzte er die Katze aus. Endlich!
Doch als er sich ans Steuer setzen wollte, lief es ihm kalt den Rücken herunter. Er hatte total die Orientierung verloren.
In dieser perplexen Situation wusste er sich keinen Rat, als sein Auto stehen zu lassen und der Katze nachzugehen. Und siehe da, nach einer Woche brachte ihn die Katze wieder nach Hause.“
(Bischof Bode)

Christlicher Glaube, vermittelt durch Kirche, erscheint vielen heute als diese lästige Katze. Ja, sie mag manchmal lästig sein: die Herausforderung des Glaubens und die Herausforderung der Kirche, – dennoch bleibt sie notwendig für die Orientierung und für den Weg nach Hause. Uns hat Gott die Erde anvertraut, und uns hat er die Fähigkeiten und Talente gegeben, uns einzubringen und nützlich zu machen. Was hindert uns, heute unsere Verantwortung wahrzunehmen, damit unsere Welt auch heute und morgen menschlich bleibt! Dafür steht auch die Kommende, heute wie vor 60 Jahren.